KARIN WALTER
Theodor Möller - ein Pionier der Landschaftsphotographie in Schleswig-Holstein

Die Kieler Kunsthalle zeigte bis zum 1. März 1998 die Ausstellung "Theodor Möller (1873-1953) - Historische Landschaftsphotographie in Schleswig-Holstein". Ein gegebener Anlaß, um an die Person und das Werk Theodor Möllers zu erinnern, der jahrelang Vorsitzender und später Ehrenvorsitzender des Vereins zur Pflege der Natur- und Landschaftskunde war.
Für die Landschaftsphotographien Möllers läßt sich kaum ein besseres Motto finden als jenes Zitat aus dem Kosmos Alexander von Humboldts, das er selbst wählte: "Die Natur ist in jedem Winkel der Erde ein Abglanz des Ganzen".Eiderknie zwischen Mielkendorf und Steinfurt Diesem Gedanken entsprechend befinden sich auf seinen Aufnahmen keine Landschaftspanoramen und nichts Spektakuläres - keine ungewöhnlichen geologischen Formationen oder außergewöhnliche Naturvorkommen -, sondern ganz im Gegenteil wird der Blick auf unscheinbare Flecken und stille Winkel gelenkt. Ansichten, die man aus eigener Anschauung kennt: ein sich durch die Landschaft schlängelnder Weg, windschiefe Bäume, Alleen, Holzzäune, Gatter usw. Der jeweilige Bildausschnitt ist mit Sorgfalt komponiert. Das Auge des Betrachters durchmißt den Bildraum vom Vorder- über den Mittel- zum Hintergrund, wobei er dem Lauf eines Baches, eines Weges, den Anpflanzungen von Hecken oder Bäumen folgt.
Möller versuchte, das regional Spezifische zu erfassen, die Lokalisierung der Örtlichkeit spielte dabei eine nebensächliche Rolle. Viel wesentlicher ist die Stimmung, die diese Naturbegegnung beim Betrachter auslöst. Die Photographien rufen Erinnerungen wach an Ähnliches, selbst Wahrgenommenes oder schärfen den Blick dafür. Insbesondere letzteres lag in der Absicht des Photographen, denn er verstand seine Bilder als eine Art "Schule des Sehens"! Dies kommt nicht von ungefähr, denn Theodor Möller war Lehrer1. Ein sehr engagierter, der sich auch außerhalb des Schulgeländes der Heimatkunde widmete und als Heimatforscher tätig war2. Das Photographieren war nicht sein Broterwerb, er betrieb es nur als Amateur. Von der Zeit und dem Elan, die er aber dieser Passion widmete, zeugen schon allein seine veröffentlichten Bücher - soweit es sich rekonstruieren läßt, sind es sieben3. Hier warb er in Wort und Bild für die - wie er es selbst ausdrückte - "Schönheit und Eigenart Schleswig-Holstein". Sein erster Band, "Das Gesicht der Heimat", erschien erstmals 1912 und - ein Zeichen, welche Resonanz dieses Buch fand - 1931 bereits in fünfter Auflage. Sein letzter Band, "Landschaft und Menschen", wurde 1952, ein Jahr vor seinem Tod, publiziert.
Marsch und Geest bei Kleve in Norder-Dithmarschen Daneben präsentierte Möller seine Photographien in zahlreichen "Lichtbilder-Vorträgen" - so der zeitgenössische Terminismus - , die er seit 1900 regelmäßig veranstaltete. Er selbst sah seine Aufnahmen in erster Linie nicht als Kunstwerke, sondern als ein pädagogisches Instrument. Wohl deshalb fand sich bislang kein Hinweis, daß er sich in einem der zahlreichen Amateurphotographievereine engagierte, die gerade in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ihre Blüte erlebten. Von seinen Photographien existieren keine vintage-prints, von ihm selbst kurz nach der Aufnahme gemachte Abzüge. Bei allen Photographien der Kieler Ausstellung handelte es sich deshalb um Neuabzüge der alten Negative, die im Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holsteins gemacht wurden. Dort lagert Möllers gesamter fotografischer Nachlaß von 6000 Glasnegativen, die von ihm noch selbst ordentlich verpackt, beschriftet und datiert wurden. Er hatte sie bereits 1950, also noch zu seinen Lebzeiten, dieser öffentliche Institution übergeben.
Möller engagierte sich sehr stark im Bereich der Heimatpflege und war nicht zuletzt deshalb jahrelang Vorsitzender, später Ehrenvorsitzender, des Vereins zur Pflege der Natur- und Landschaftskunde und publizierte häufig in "Die Heimat". Hier erschien auch 1933, anläßlich seines 60. Geburtstages eine Würdigung seiner Arbeit, die einzige etwas ausführlichere biographische Quelle4.
Möller war ein typischer Vertreter der Heimatschutz-Bewegung. Der 1904 in Dresden gegründete "Bund-Heimatschutz" hatte das Hauptanliegen, Landschaft, Natur und menschliche Umwelt vor der Zerstörung durch kapitalistische, d.h. internationale Industrie zu retten und zu bewahren. Ländlich-Sittliches wurde als künstlerisch reizvoll eingestuft, Städtisch-Modernes dagegen abgelehnt. Die Vereinspublikationen "Mitteilungen des Bundes Heimatschutz" und die Zeitschrift "Der Kunstwart" gaben über die Vorstellungen und Ziele des Bund-Heimatschutzes Auskunft. Als wichtigstes propagandistisches Mittel dienten Photographien, die als malerische Seh-Eindrücke den Blick der Leser für die "deutsche Heimatschönheit" schulen sollten5.
Buchweizenfeld und Eichenkratt zwischen Jordelund und Osterby, Nordschleswig. Ein gleiches Anliegen zeigt sich auch in den Photographien Theodor Möllers. Zeichen von Zivilisation insbesondere von moderner, wie Straßen, Brücken, Fabrik-Schlote etc. sucht man auch bei ihm vergeblich. Er lehnte selbst begradigte Wege und Flußläufe ab. Ihre Zweckmäßigkeit wirkte auf ihn glatt, nüchtern und modern, und er photographierte statt dessen winkelige und kurvige Verläufe, da sie ihm als alt und damit malerisch galten. Die nur in der Ferne sichtbar werdenden Dorfansichten - meist nur eine Ansammlung von Dächern - wirken beschaulich. Personen finden sich auf Möllers Landschaftsphotographien nur selten, und wenn, sind es Müßiggänger, die sich dem Naturerlebnis hingeben. Solzialkritische Bilder, die die schwere landwirtschaftliche Arbeit thematisieren, findet man dagegen nicht. Er dokumentierte die letzten Zeugnisse der vorindustriellen Lebensweise, die aber, da sie zum Zeitpunkt der Aufnahmen bereits stark am Schwinden waren, nicht frei von romantischer Verklärung sind.
Die scheinbar "unberührte" Natur auf den Photographien Theodor Möllers begeisterte nicht nur die Zeitgenossen, sondern spricht auch noch heutige Betrachter an. An Ort und Stelle läßt sich heute ähnliches noch schwerer finden, als es zwischen der Jahrhundertwende und der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg der Fall war, die Zeitspanne, in der diese Photographien entstanden sind. Möllers ausgewogene Bildkompositionen wirken wie zeitlose Naturbilder, die Ruhe und Beschaulichkeit ausstrahlen. Man entdeckt beim längeren Betrachten immer neue Details und kann den eigenen Gedanken freien Lauf lassen. Man kann sich in ihnen verlieren ... !

Anmerkungen

  1. Nach der Ausbildung (1889-1894) war Theodor Möller von 1894 bis 1897 in Segeberg und anschließend bis 1924 in Kiel als Lehrer tätig.
  2. Ab 1897 war Möller Mitglied und von 1924 bis 1929 Vorsitzender der Loge "Holstentreue", die sich um die Verbreitung der Kultur Schleswig-Holsteins bemühten. Ab 1908 war er Mitglied im Landesverein für Heimatschutz. Von 1908 bis 1913 wurde er als Baupfleger in Tondern und 1914 in Oldenburg berufen. In Tondern richtete er 1913 ein Bildarchiv mit 1300 Glasplatten ein. Bereits 1904 betreute er eine Lichtbilder-Sammelstelle in Kiel. Vgl. GUSTAV FR. MEYER: Theodor Möller zum 60. Geburtstag. In Die Heimat 43 (1933), S. 57-59. HEIKE LITTMANN: Theodor Möller. Begleittext zur Ausstellung in der Kieler Kunsthalle.
  3. Theodor Möller veröffentlichte: 1912 "Das Gesicht der Heimat"; 1913 "Alt-Ellerbek und das Fischerhaus im Werftpark"; 1924 "Die Welt der Halligen"; 1928 "Der Kirchhof in Nebel auf Amrum"; 1929 "Nordschleswig"; 1935 "Gasen der Heimat. Kleinstadtbilder aus Schleswig-Holstein"; 1952 "Landschaft und Menschen. Beiträge zur Heimatkunde Schleswig-Holsteins". Vgl. dazu GUSTAV FR. MEYER: (wie Anm. 2), S. 59.
  4. GUSTAV FR. MEYER (wie Anm. 2)
  5. ANDREAS HAUS: Foto, Propaganda, Heimat. In: Fotogeschichte 14 (1994), H. 53, S. 3 und 8.